Mountainboard Historie in den 1990ern

Die Geburtsstunde im Wilden Westen: Wie das Mountainboard in den USA der 90er das Laufen lernte

In den frühen 1990er Jahren gab es für eine bestimmte Gruppe von Extremsportlern eine alljährlich wiederkehrende Qual: den Sommer. Snowboarder starrten deprimiert auf schmelzende Hänge, Surfer auf flache Wellen. Genau aus diesem Frust heraus entstand in den USA eine Bewegung, die den Grundstein für das legte, was wir heute als Mountainboarding oder Allterrainboarding (ATB) kennen. Es war die Ära der Garagen-Pioniere, der blauen Flecke und der absoluten Improvisation.

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Colorado und die Geburtsstunde von MBS (1993)

Die wohl einflussreichste Geschichte des US-Mountainboardings begann 1993 in Colorado Springs. Zwei snowboardverrückte Typen, Jason Lee und Patrick McConnell, hielten es im Sommer einfach nicht mehr aus. Sie wollten das Gefühl des Carvens im Tiefschnee auf die staubigen, felsigen Hänge der Rocky Mountains übertragen.

Sie gründeten MBS (MountainBoard Sports) und bauten die ersten Prototypen. Das Ziel war von Anfang an klar definiert: Ein Board zu schaffen, das echtes Snowboard-Feeling abseits von Schnee und Asphalt ermöglicht. MBS sollte in den darauffolgenden Jahrzehnten zur absoluten Instanz und zur weltweit treibenden Kraft des Sports werden.

Die kalifornische Parallelwelt: Surfen an Land

Fast zeitgleich, aber mit einer etwas anderen Philosophie, bastelten die Brüder Dave und Pete Trowbridge in Kalifornien an ihren eigenen Brettern. Während man in Colorado die steilen Berge im Visier hatte, kam aus Kalifornien eher die Sehnsucht nach dem endlosen Surf- und Skate-Gefühl. Sie experimentierten ebenfalls mit großen Reifen und robusten Achsen, um unwegsames Gelände zu bezwingen. Diese geografische und philosophische Aufteilung – Downhill in den Bergen, Freestyle und Cruisen an den Küsten – prägte den Sport in den USA von Anfang an.

Die wilde Technik der 90er: Sackkarrenreifen und Mut

Wer heute ein modernes Mountainboard mit Carbon-Deck und verstellbaren Channel-Trucks sieht, kann sich kaum vorstellen, wie abenteuerlich die Kisten in den 90ern aussah. Das Equipment war rau, schwer und mechanisch unberechenbar:

Die Reifen: Luftreifen waren Pflicht, um über Steine und Wurzeln zu kommen. Oft bediente man sich im Baumarkt bei Reifen für Sackkarren oder Rasenmäher.

Die Achsen: Klassische Skateboard-Achsen waren viel zu schmal und brachen unter der Belastung sofort. Also wurden massive, ultrabreite Stahlkonstruktionen geschweißt, die den Boards das Aussehen von kleinen Panzern gaben.

Die Bindungen: Von ausgeklügelten Ratschen-Systemen war man noch weit entfernt. Einfache, oft starre Fußschlaufen mussten reichen, um den Fahrer irgendwie auf dem Brett zu halten.

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Bremsen? Fehlanzeige. Wer in den 90ern ein Mountainboard bestieg, musste den Powerslide beherrschen – oder darauf hoffen, dass der Busch am Ende des Hangs weich genug war.

Der Hype der späten 90er: VHS-Tapes und MTV

Gegen Ende der 1990er Jahre entwickelte sich das Mountainboarding in den USA vom obskuren Trend zum ernstzunehmenden Funsport-Hype.

Die Medien: Es gab noch kein YouTube, also lief alles über gedruckte Magazine und legendäre VHS-Kassetten. Videos von furchtlosen Fahrern, die sich in Colorado die Geröllhalden hinabstürzten, machten in der Szene die Runde.

Die Professionalisierung: Es wurden die ersten offiziellen US-Meisterschaften ausgetragen. Der Sport bekam Sendezeit auf Sendern wie MTV oder bei den frühen X-Games-Formaten.

Der Export: Der Funke sprang über. Ende der 90er schwappte die US-Welle nach England (wo Marken wie Scrub und Trampa entstanden) und schließlich nach Resteuropa.

Die 1990er Jahre in den USA waren die „Wild-West-Phase“ des Mountainboardings. Ohne den unbedingten Willen von ein paar süchtigen Snowboardern, die den Sommer austricksen wollten, gäbe es die heutigen High-Tech-Boards nicht. Sie machten den Schmutz, das Risiko und die Spotsuche zu einem Lifestyle, der bis heute in der weltweiten Nische überlebt hat.